Anwendung einer Norm (am Beispiel der DIN EN 15567)

 

 1.      Allgemeines

Das Vorurteil, eine Norm schränke nur ein und hätte nur Nachteile für Hersteller und  Betreiber von Seilkletteranlagen, ist seit Veröffentlichung der DIN EN 15567 im März 2008 längst vielfach widerlegt worden. Die Angst vor der Norm hat sich gelegt, weil alle Beteiligten – und das sind Planer, Statiker, Hersteller und Betreiber von Seilkletteranlagen sowie Prüfinstitute – problemlos mit der Norm arbeiten können und viele Unfälle - durch Festschreibung eines Mindeststandards betreffend die Sicherheitstechnik - verhindert werden konnten. Weiterhin liefert die Norm in ihrem informativen Teil Vorlagen für eine ordentliche Betriebsdokumentation, welche gesetzlich vorgeschrieben ist.

Der größte Nutzen der Norm ist schließlich die Rechtssicherheit für den Anwender: wird die Norm vertragsrechtlich vereinbart, gilt die Beweislastumkehr. Das heißt, im Rechtsstreit billigt ein Richter einer DIN-Norm regelmäßig den "Beweis des ersten Anscheins" zu. Hier spricht der Beweis des ersten Anscheins für den Anwender der Norm in dem Sinne, dass er die erforderliche Sorgfalt beachtet hat. Über die DIN-Normen hinaus sind aber zusätzlich die Anforderungen der Rechtsprechung insbesondere zum Organisationsverschulden zu beachten.

Die Kenntnis entsprechender Normen, Standards oder Regeln, sowie deren richtiger Einsatz ist unter den heutigen Marktbedingungen für jedes beteiligte Unternehmen ein nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Faktor. Darüber hinaus stehen Normen unter rechtlichen Aspekten für mehr Sicherheit – Hersteller erreichen bei Anwendung und Einhaltung von Normen ein hohes Maß an rechtlicher Absicherung.

Innovationen und technischer Fortschritt bei Beachtung gesetzlicher Vorgaben sind die Triebfedern zur systematischen Verbesserung von Leistung und Qualität bei Produkten und Dienstleistungen. Sie stellen hohe Anforderungen an den effektiven und effizienten Einsatz von Normen.

Benötigt der Anwender einen Nachweis über die Einhaltung bestimmter Standards oder Normen, so stellen Konformitätsbestätigungen ein wichtiges Verfahren dafür dar.

 

 2.      Historie der DIN EN 15567

Im Jahr 2003 wurde ein Normierungsantrag beim DIN eingereicht, es folgten anschließend einige nationale Sitzungen, um eine Stoffsammlung zu erstellen und möglichst alle interessierten Kreise anzusprechen und einzuladen.

Im November 2004 fand in Köln die erste internationale Sitzung mit Teilnehmern aus Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, Holland, Schweiz, Schweden und Großbritannien statt. Es folgten viele Arbeitssitzungen in nahezu allen beteiligten Ländern mit teilweise kreativ-konstruktivem Verlauf, manchmal aber auch mit heiß geführtem Disput.

Die prEN 15567, also der Normenentwurf, wurde im April 2007 vom europäischen Komitee für Normung CEN veröffentlicht und an alle EU-Staaten zur Prüfung verteilt.  Es fanden mehrere Einspruchssitzungen unter aktiver Beteiligung von 11 Landes-delegationen statt, in welchen die jeweiligen Einwände und Korrekturen in eine endgültige Fassung eingearbeitet wurden.

Am 10. November 2007 wurde die erste Ausgabe der Europäischen Norm EN 15567 vom CEN angenommen und zwar von Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn, Vereinigtes Königreich und Zypern.

In den Jahren 2011 bis 2014 fand eine grundlegende Überarbeitung der Euronorm statt. Es wurde der Entwicklung des Marktes Rechnung getragen und u. a. die neuartigen, kommunizierenden Sicherungssysteme berücksichtigt. Lastannahmen für die statische Berechnung wurden differenziert und einige Passagen, welche überholt waren, einfach gestrichen.

Im August 2015 erschien schließlich die zweite Ausgabe der DIN EN 15567 wieder den beiden Teilen

 - Teil 1: Seilgärten - Konstruktion und sicherheitstechnische Anforderungen

 - Teil 2: Anforderungen an den Betrieb von Seilgärten

 

3.      Möglichkeiten und Grenzen in der Anwendung der DIN EN 15567

 

> Die Norm legt einheitliche Begriffsdefinitionen fest. Diese dienen der problemlosen Verständigung zwischen den beteiligten Geschäftspartnern.

 

> Mit der Norm werden Lastannahmen geliefert, die eine Dimensionierung und Berechnung der zu planenden Anlage erlauben

> Die Anforderungen an die baukonstruktive Ausführung sowie an die Sicherheitstechnik sind so beschrieben, dass dem Konstrukteur und dem Hersteller der Seilkletteranlage eine maximale Gestaltungsfreiheit und freie Materialwahl zur Verfügung stehen

> In der Planungsphase für einen Kletterwald ist der zur Verfügung stehende Baumbestand zu erfassen und zu beurteilen. Die Sachverständigenprüfung gibt dem Erbauer und auch dem künftigen Betreiber die Planungssicherheit

> Die Norm beschreibt, wie eine Zulassungsprüfung (Erstinspektion vor Inbetriebnahme) durchzuführen ist. Eine Zertifizierung im Sinne einer Normkonformitätsbescheinigung schützt den Betreiber, falls er wegen eines Unfalles beklagt wird

> In den normativen Anhängen werden Anforderungen an die Prüfung und Dokumentation gestellt. In den informativen Anhängen wird aufgezeigt, wie zum Beispiel Betriebsdatenblätter gestaltet werden können.

> DIN-Normen sind keine Lehrbücher. Deshalb muss jemand der sie anwendet, soviel Sachverstand haben, dass er die Verantwortung für sein Handeln selbst übernehmen kann.

> Über die DIN-Normen hinaus sind aber zusätzlich die Anforderungen der Rechtsprechung insbesondere zum Organisationsverschulden zu beachten.

 

4.      Die Seilgartennorm als Hilfe für die Rechtssprechung

 

DIN-Normen bilden einen Maßstab für einwandfreies technisches Verhalten und wirken im Rahmen der deutschen Rechtsordnung indiziell.

DIN-Normen stehen jedermann zur Anwendung frei. Das heißt, man kann sie anwenden, muss es aber nicht. In diesem Fall muss aber nachgewiesen werden, dass trotz der Nichtbeachtung der DIN-Norm das gleiche Maß an Sicherheit erreicht wurde, das sich bei Anwendung der DIN-Norm ergeben hätte.

DIN-Normen werden verbindlich durch Bezugnahme, etwa in einem Vertrag zwischen privaten Parteien oder in Gesetzen und Verordnungen. Der Vorteil der einzelvertraglich vereinbarten Verbindlichkeit von Normen liegt darin, dass sich Rechtsstreitigkeiten von vornherein vermeiden lassen, weil die Normen eindeutige Festlegungen sind. Die Bezugnahme in Gesetzen und Verordnungen entlastet den Staat und die Bürger von rechtlichen Detailregelungen.

Auch in den Fällen, in denen DIN-Normen von Vertragsparteien nicht zum Inhalt eines Vertrages gemacht worden sind, dienen DIN-Normen im Streitfall als Entscheidungshilfe.

Im Rechtsstreit billigt ein Richter einer DIN-Norm regelmäßig den "Beweis des ersten Anscheins" zu. Eine widerlegbare Rechtsvermutung (Beweislastumkehr). Hier spricht der Beweis des ersten Anscheins für den Anwender der Norm in dem Sinne, dass er die erforderliche Sorgfalt beachtet hat.

 

5.      Festschreibung eines internationalen Sicherheitsstandards

 

An der Entstehung der Seilgartennorm waren 11 europäische Staaten aktiv beteiligt. Die Annahme des Normenentwurfes erfolgte in einem geregelten Abstimmungsverfahren.

 

6.      Verbesserung der Betriebssicherheit durch die DIN EN 15567

 

Mit der Zunahme der Anzahl von Hochseilgärten, Adventure Parcs und Kletterwäldern steigt das Schadensrisiko direkt proportional.

Mögliche Risiken in der Planungsphase (beispielhaft ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

a)   Fehleinschätzung der Gefahren aus dem Betrieb

b)   Unterdimensionierung des Tragwerks (kalkulierte Sicherheit)

c)   Unterdimensionierung von Bau- und Konstruktionselementen

d)   Fehleinschätzung der Tragfähigkeit von Bäumen

 

Vorbeugende Anforderungen der Seilgartennorm:

> a) Gefahrenanalyse / Risikobeurteilung

> b) Verweis auf ISO- und Euronormen, Eurocodes

> c) Statische Berechnung

> d) Sachverständigengutachten über die Tragfähigkeit der Aktivbäume


Mögliche Risiken in der Bauausführungsphase (beispielhaft ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

e)   fehlerhafte Montage von Bau- und Konstruktionselementen

f)    Abweichungen von der Statischen Berechnung

g)   Entstehung von Gefahrenstellen durch sich überlagernde Verkehrswege

h)   Schwächung von Tragbäumen durch Beschnitt oder Überlastung

 

Vorbeugende Anforderungen der Seilgartennorm:

> e) Erstinspektion vor Inbetriebnahme mit Prüfung der Bauausführung nach

> f) den Vorgaben der Statischen Berechnung

> g) den Vorschriften der korrespondierenden technischen Normen

> h) den Auflagen des Baumsachverständigen

 

Mögliche Risiken in der Betriebsphase (beispielhaft ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

j)    Materialveränderungen durch Verkehr (z.B. Seildurchhänge)

k)   Materialveränderungen durch äußere Einflüsse (Wetter, Temperatur etc.)

l)    Materialveränderungen durch Verschleiß

m)  Verpassen der schadensunabhängigen, terminierten Ablegereife

n)   Veränderungen durch außergewöhnliche Einflüsse (z.B. Sturm)

o)   Entstehung von überirdischen Baumschäden

p)   Entstehung von unterirdischen Baumschäden

q)   Probleme aus dem Verkehr

 

Vorbeugende Anforderungen der Seilgartennorm:

> j), k), l), m, n) und q) jährliche Hauptinspektion nach EN 15567-1

> l) und m) PSA-Richtlinie und –Inspektion

> j) bis n) Sachkundigenprüfung

> n) außerordentliche Prüfung / Hauptinspektion

> o) und p) jährliche Baumkontrolle.

 

Selbst auferlegte Standards, wie z.B. Verbandsnormen müssen mindestens den Vorgaben der DIN EN 15567 entsprechen, ansonsten sind sie wertlos.

 

 

7.      Inspektion und Wartung in einem Seilgarten

 

Oftmals werden Inspektion und Wartung als ein Vorgang angesehen. Tatsächlich handelt es sich um zwei völlig unterschiedliche Aufgaben: mit der Inspektion wird der Ist-Zustand festgestellt. Es werden unter Umständen Mängel aufgedeckt, die Wartung hingegen dient der Beseitigung der Mängel und erlaubt die Fortführung eines sicheren Betriebes. Dabei muss die Inspektion von einer Prüfstelle und die Wartung von einer befähigten Person durchgeführt werden.

In der Praxis erweist sich folgende Aufteilung von Inspektion und Wartung als besonders effektiv (Vier-Augen-Prinzip):

A) der Betreiber oder ein Beauftragter mit Sachkunde übernimmt die Wartungsarbeiten und

B) eine externe Prüfstelle übernimmt die Hauptinspektion, einschließlich der Überprüfung der Wartungsarbeiten, bei nicht sichtbaren Wartungsarbeiten (z.B. Kontrolle der PSA) auf der Basis von Arbeitsnachweisen.

C) Eventuell festgestellte Mängel werden abschließend von A) beseitigt.

Idealerweise finden Inspektion und Wartung sehr zeitnah zueinander statt. 

 

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